Melden Sie sich hier an, wenn Sie jeweils das aktuelle e-Magazin gratis erhalten wollen. Nach der Anmeldung erhalten Sie einen Aktivierungslink. Es erfolgt keine Weitergabe Ihrer Daten an Dritte.
Mit Hilfe der Stirnlampe schlendere ich gemütlich durch die „Paramo“ genannte Hochebene, die im Prinzip nur noch aus Gräsern besteht, welche allerdings mannshoch werden. Diese letzte Etappe beträgt nur 500 Höhenmeter, doch die dünne Luft ist hier oben schon deutlich zu spüren. Immer wieder bleibe ich stehen, atme tief durch und trinke. Links und rechts eines oberhalb von mir liegenden Sattels ragen zwei Bergspitzen auf - welche ist denn nur der Gipfel? Erschöpft komme ich am Sattel an, doch weder nach rechts noch nach links führt ein Weg. Es geht noch ein ganzes Stück weiter geradeaus.
Ganz entfernt am Horizont beginnt das Rot des anbrechenden Tages zu glühen. Davor erhebt sich eine Pyramide steil in den Himmel - der letzte Grat zum Gipfel. Ich will den Sonnenaufgang vom Gipfel aus erleben - hechelnd stürme ich los. Hin und wieder muss ich die Arme zu Hilfe nehmen; der Berg fordert auf den letzten Metern nochmal allen Mut und die letzten Energien von seinem Besteiger. Ein kurzer Blick nach oben - was flattert denn da? Die Fahne Costa Ricas. Keine zehn Meter über mir - in einer Minute ist der Gipfel erreicht. Chirripó - 3820 Meter. Ich stehe auf dem Dach Costa Ricas, bin von der Schönheit der Natur beeindruckt und glücklich, dass ich hier sein darf. Gedanken schweifen zurück an den Beginn der Tour - gestern begann ich den langen Anstieg zur Hütte.
Ich starte an der auf 1500 Meter idyllisch gelegenen Casa Mariposa am Rande des Örtchens San Gerardo, dem Ausgangspunkt zur Besteigung des höchsten Gipfels Costa Ricas. Um die sieben Stunden dauert die erste Etappe mit dem 15 Kilometer langen Aufstieg zur Hütte. Der Weg ist klar erkennbar, weswegen ich nachts starte - dann sind die Temperaturen noch angenehm kühl. Jeder Kilometer ist markiert: Am Anfang steht ein Schild mit Kilometer Null und dem Namen „Thermometer“. Hier kann man nämlich gleich seine Fitness testen, um wieviel die Temperatur auf dem ersten Kilometer ansteigt.
Kilometer Eins heißt „Los Monos“ - die Affen. Momentan schlafen sie wohl noch alle, ich höre nichts von ihnen. Von Anfang an führt der Pfad durch dichten Wald steil hinauf, teilweise mit angelegten Naturtreppen aus Baumstämmen. Ein idealer Rastplatz mit frischem Wasser aus einer Quelle und Holzbank vor einer Hütte liegt nach sieben Kilometern auf halber Strecke.
Immer noch steil geht es weiter, bis bei Kilometer Zehn die 3000 Meter Höhenlinie überschritten und der Weg flacher wird. Nun lichtet sich der Wald und die Sonne brennt erbarmungslos auf mich. Mittlerweile zeugen nur noch einzelne verbrannte große Baumstümpfe von früheren Buschfeuern. Hier begrüßt mich jetzt eine ganz andere Vegetation: Bunte Blumen, viele Gräser und dichte niedrige Büsche.
Dieses letzte Drittel des Weges bietet faszinierende Ausblicke auf die für Costa Rica untypische Hochgebirgslandschaft. Jetzt bin ich auf 3300 Meter angekommen. Die Hütte liegt nur noch ein paar hundert Meter entfernt. Todmüde dort angekommen lege ich mich, wie die meisten anderen Bergsteiger auch, sehr früh schlafen.
Meine Erwartungen beim Aufwachen werden nicht enttäuscht, der Sonnenaufgang am Gipfel gleicht einem Traum: Die Farben des Himmels ändern sich im Minutentakt: Schwarz, dunkelblau, hellblau, dunkelrot, hellrot, orange, gelb, weiß. Unter mir liegen ein Dutzend kleinerer Seen, während gegenüber der Cerro Ventisquero thront, nur acht Meter niedriger, aber eben nur der Zweithöchste. Dort sehe ich auch den Cerro Uran und auf der anderen Seite streben die Felsspitzen der Crestones in die Höhe. Die Küstenlinie zum Pazifik wird klarer, der Golf von Nicoya zeichnet sich ab und die Osa Halbinsel ist gut zu erkennen. Auf der anderen Seite verschwimmt die Karibikküste im Dunst und unzählige Bergketten reihen sich bis zum Horizont. Costa Rica in 360° - was gibt es Schöneres?
Mehr Fotos und Praktische Informationen zur Chirripo-Besteigung: Costa Rica Spirits Magazin 3/2009